Es gibt Geschichten, die sind so deutsch, dass man kaum weiß, ob man sie lesen oder lieber gleich vertonen soll. Stuttgart 21 ist eine solche Geschichte. Ein Projekt wie ein Wagner-Opernakt: überambitioniert, hochsubventioniert und am Ende seltsam entkoppelt vom Publikum.
Und mittendrin: die Gäubahn, das unscheinbare Rückgrat des Südwestens, das nun aus dem Knochengerüst der Republik herausoperiert wird – mit dem feierlichen Ernst eines Verwaltungsakts, der nicht weiß, was er anrichtet.
Wer heute durch die engen Gänge der Planungshistorie von Stuttgart 21 wandert, stößt bald auf ein bekanntes Bild: den Zauberlehrling. Die Rollen sind schnell verteilt. Erwin Teufel, damaliger Ministerpräsident, sprach das erste Zauberwort. Wolfgang Schuster, als Oberbürgermeister, tanzte um die Pläne wie Goethes Lehrling um den Besen. Und schließlich Rüdiger Grube, einst Chef der Deutschen Bahn, setzte mit betriebswirtschaftlicher Gravitas den Zauberspruch in die Tunnelwand: „Und der neue Bahnhof wird kommen – koste es, was es wolle.“
Aber wie beim Zauberlehrling entfesselte man Kräfte, die man nicht mehr zu bändigen verstand. Die Besen tragen und tragen – Beton, Verträge, neue Linienführungen –, doch das Wasser, das sie schleppen, ertränkt jene, die es eigentlich tragen sollte: die Fahrgäste.
Am schwersten aber trifft es die Gäubahn, jene ehrwürdige Verbindung von Singen über Tuttlingen nach Stuttgart. Sie sollte angeblich profitieren. So versprach es der CDU-Politiker Guido Wolf, der sich gerne als Anwalt des ländlichen Raums inszenierte – und der, was Stuttgart 21 betrifft, genau das sagte, was heute niemand mehr sagen möchte: „Die Gäubahn wird gestärkt.“
Die Realität ist ein anderer Zauberspruch: Abgehängt. Auf Jahre.
Statt im modernisierten Tiefbahnhof anzukommen, endet die Gäubahn künftig am Rande der Stadt – eine „Interimsstation“, so das beschwichtigende Wort. Wann und ob sie je wieder direkten Anschluss an die Landeshauptstadt findet, steht in den Sternen. Bis dahin dürfen Reisende umsteigen, Anschluss suchen, Umwege nehmen.
Die offizielle Sprachregelung dazu ist ein Kabinettstück postmoderner Verwaltungspoetik. Von „optimierten Knotenpunkten“, „verkehrlichen Übergangsszenarien“ und „Zukunftsprojekten“ ist die Rede. Nur das Wort „Scheitern“ taucht nirgends auf.
Man könnte es, im Sinne Goethes, eine klassische Verwechslung von Form und Funktion nennen. Der Bahnhof ist dann fertig – aber die Bahn fährt nicht mehr dort hin.
Die wahren Zaubermeister schweigen derweil oder sitzen längst in anderen Ämtern. Die Verantwortung hat sich, wie so oft, in Tunnelstaub aufgelöst. Und wie bei Goethes Zauberlehrling bleibt am Ende die leise Hoffnung, dass vielleicht doch noch jemand kommt, der den alten Meisterspruch kennt – und den Wahnsinn stoppt.
Bis dahin aber rollt der Fortschritt weiter. Ohne Gleis. Ohne Gäubahn. Und ohne Rücksicht auf Verluste.
Ein Bahnhof kann ein Ort der Verbindung sein.
Stuttgart 21 zeigt: Er kann auch das Gegenteil.

