Pro Gäubahn wendet sich an DB-Chefin Palla: Warum will die Bahn bauen, obwohl entscheidender Anschluss nicht genehmigt ist?

Offener Brief zum Pfaffensteigtunnel: Pro Gäubahn fordert Antworten zu Baubeginn, Genehmigung und drohenden monatelangen Sperrungen

Das Pro Gäubahn Landesbündnis hat sich mit einem offenen Brief an die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Evelyn Palla, und den Geschäftsführer der S21-Projektgesellschaft Stuttgart–Ulm GmbH, Klaus Müller, gewandt. Im Mittelpunkt stehen ungeklärte Fragen zum Pfaffensteigtunnel und insbesondere die angekündigte Entscheidung, bereits im Herbst mit den Bauarbeiten zu beginnen.

Bei einem Besuch des Info-Punkts zum Pfaffensteigtunnel am 29. Juli fragte eine Delegation des Landesbündnisses, ob die Deutsche Bahn trotz des noch laufenden Genehmigungsverfahrens für den Planfeststellungsabschnitt 2 bereits mit den Bauarbeiten beginnen werde. Nach Angaben des Landesbündnisses erhielt sie von den Mitarbeitern der Projektgesellschaft eine eindeutige Antwort: „Ja. Wir fangen in jedem Fall an zu bauen. Wir warten nicht.“

Das Pro Gäubahn Landesbündnis will nun von DB-Chefin Palla und Projektgeschäftsführer Müller wissen, ob diese Haltung tatsächlich der Linie der Deutschen Bahn entspricht. „Die Deutsche Bahn will offenbar bauen, obwohl sie die Genehmigung für den entscheidenden Teil des Projekts noch gar nicht hat“, sagt Dr. Hans-Jörg Jäkel vom Gäubahnkomitee Stuttgart. „Bei einem Milliardenprojekt ist das eine Hochrisikostrategie. Die umfangreichen Einwendungen der Stadt Böblingen zeigen, dass es mehr als fraglich ist, ob der Anschluss in der geplanten Form überhaupt umgesetzt werden kann.“

Für den Planfeststellungsabschnitt 1 besteht Baurecht. Der für den Anschluss des Pfaffensteigtunnels an die bestehende Gäubahn entscheidende Planfeststellungsabschnitt 2 befindet sich dagegen erst im Genehmigungsverfahren. Die Stadt Böblingen hat hierzu in einer 37-seitigen Stellungnahme erhebliche planerische und technische Einwände erhoben Das Landesbündnis fragt Palla und Müller deshalb unter anderem, wie die Deutsche Bahn die Einwendungen der Stadt Böblingen bewertet und wie sie einen Baubeginn rechtfertigt, solange die Genehmigungsfähigkeit des Anschlusses ungeklärt ist.

Bis zu 15 Monate Sperrung in Böblingen?

Ein weiterer Schwerpunkt des offenen Briefes sind die Auswirkungen des Tunnelbaus auf den Bahnverkehr in Böblingen. Nach einem Bericht der Böblinger Zeitung könnte der Anschluss des Pfaffensteigtunnels eine Sperrung des Schienenverkehrs von bis zu 15 Monaten erforderlich machen. Betroffen wären neben der Gäubahn auch die S-Bahn-Linie S1. Lediglich die S60 könnte den Bahnhof weiterhin bedienen. Die Projektgesellschaft Stuttgart–Ulm konnte diese Dauer auf Nachfrage des Pro Gäubahn Landesbündnisses bislang weder bestätigen noch eine eigene belastbare Prognose nennen. In den Planfeststellungsunterlagen ist lediglich von einer Sperrung für „mehrere Monate“ die Rede.

„Eine solche Sperrung wäre ein massiver Eingriff in den Bahnverkehr im südlichen Baden-Württemberg. 1,4 Millionen Einwohner im Einzugsgebiet der Gäubahn würden dann ihren Anschluss an Stuttgart verlieren.“, erklärt Hendrik Auhagen von Pro Gäubahn Konstanz. „Das wäre sogar noch gravierender als die geplante Kappung der Gäubahn in Stuttgart-Vaihingen, die nach derzeitiger Planung ab 2031 kommen soll.  2031 bleibt zumindest die Möglichkeit, auf die S-Bahn umzusteigen. Für den Anschluss des Pfaffensteigtunnels würde in Böblingen aber sowohl der Gäubahn-Regional- und Fernverkehr als auch die S-Bahn abgehängt und das vor der eigentlichen Gäubahn-Kappung.

Warum überhaupt ein Tunnel?

Für das Pro Gäubahn Landesbündnis stellt sich deshalb grundsätzlich die Frage, ob der Pfaffensteigtunnel überhaupt die richtige Lösung ist. „Die Alternative liegt auf der Hand: Die Gäubahn kann auch über die bestehende Strecke bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof (oben) weiterbetrieben werden“, sagt Dr. Nikolas Baur von Pro Gäubahn Singen. „Damit ließen sich die massiven Eingriffe in Böblingen vermeiden. Gleichzeitig könnten die für den Pfaffensteigtunnel vorgesehenen Milliarden in den vollständigen zweigleisigen Ausbau der Gäubahn und andere dringend benötigte weitere Schienenprojekte investiert werden.“

Das Pro Gäubahn Landesbündnis fordert die Deutsche Bahn daher auf, vor einem Baubeginn zunächst die offenen Fragen zu klären. Dazu gehören insbesondere die Genehmigungsfähigkeit des Anschlusses an die Gäubahn sowie die Auswirkungen auf  Gäubahn und S-Bahn in Böblingen.

Mehr auf: https://pro-gaeubahn.de/

Info:  Das Pro Gäubahn-Landesbündnis wurde am 9.3.24 in Rottweil gegründet. Das Bündnis vertritt die Interessen der Bahnstrecke Stuttgart – Böblingen – Horb – Rottweil – Tuttlingen – Singen (-Zürich / Konstanz).
Mitglieder des Pro Gäubahn-Bündnisses sind u.a.:
Pro Gäubahn-Initiative Rottweil – Wir wollen zum Hauptbahnhof
Interessengemeinschaft Gäubahn in Freudenstadt
Pro Gäubahn Singen – Singener Gäubahn-Initiative
Pro Gäubahn Tuttlingen
Pro Gäubahn Konstanz
Gäubahnkomitee Stuttgart – Wir wollen zum Bodensee
Deutsche Umwelthilfe (DUH)
Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Landesverband Baden-Württemberg
Verkehrsclub Deutschland (VCD) Landesverband Baden-Württemberg
VCD Kreisverband Konstanz
Mobilitätswendeallianz Baden-Württemberg
Naturfreunde Württemberg e.V.
Schutzgemeinschaft Filder e.V.
Naturfreunde Württemberg e.V.
Matthias Gastel MdB – Bündnis 90/Die Grünen
Bündnis 90/ Die Grünen Kreisverbände Rottweil, Tuttlingen, Schwarzwald-Baar und Konstanz
SPD-Kreisverbände Rottweil, Tuttlingen und Freudenstadt
Die Linke, Kreisverband Konstanz
Fraktion Linke/SÖS im Gemeinderat Stuttgart