Bei der Direktverbindung zwischen Schweiz, Bodensee und Stuttgart gibt es einige offene Punkte. Wir haben die Parteien gefragt, wie sie sich positionieren.

Von Dominik Dose |

19.02.26, 07:36 Uhr

Ein Gäubahn-IC bei Herrenberg – hier ist die Verbindung zweigleisig, an vielen anderen Stellen nicht.Foto: Deutsche Bahn AG

Über die Gäubahn gibt es selten Positives zu berichten, aber immerhin eines kann man der Verbindung Stuttgart-Singen-Zürich nicht absprechen: Interessant ist es, was hier passiert. In Stuttgart stellt sich die Frage, wann und ob es zur vorübergehenden Abkopplung der Strecke vom Hauptbahnhof kommt, zudem soll hier als Ersatz der mindestens 1,7 Milliarden Euro teure, 11 Kilometer lange Pfaffensteigtunnel entstehen. Und dann bleibt noch die Debatte, ob die eingleisige Strecke südlich von Horb wirklich erst Mitte der 2040er-Jahren ausgebaut sein soll, wie es die Deutsche Bahn gerade plant.

All diese Themen kann das Land nicht allein entscheiden, meist sitzen Bahn und Bund, teilweise auch die Stadt Stuttgart im Boot. Einfluss nehmen kann die Landespolitik aber. Wir haben deswegen die Parteien, die eine realistische Chance auf den Einzug in den Landtag haben, nach ihrer Position gefragt, bilden diese hier unverändert ab und ordnen sie kurz ein.

Gäubahn-Frage 1: Sollte die oberirdische Anbindung der Gäubahn über die Panoramabahn an den Stuttgarter Hbf auch nach Eröffnung des S21-Tiefbahnhofs erhalten bleiben?

Die Grünen: „Der südliche Teil Baden-Württembergs darf nicht abgehängt werden. Wir kämpfen deshalb dafür, dass die Gäubahn eine direkte, dauerhafte und leistungsstarke Anbindung an den Hauptbahnhof hat. Bis sich der Betrieb im neuen Tiefbahnhof bewährt, muss die oberirdische Gleisanlage dafür betriebsbereit gehalten werden.“

CDU: „Mit der Inbetriebnahme des neuen Tiefbahnhofs wird die oberirdische Verbindung der Gäubahn über die Panoramabahn zum heutigen Kopfbahnhof zurückgebaut, um den Umbau der S-Bahn und anderer Infrastruktur zu ermöglichen. Mit der Verschiebung der Inbetriebnahme ist jedoch klar, dass diese Kappung später kommt und wahrscheinlich auch kürzer andauern wird.“

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SPD: „Nein, die Anbindung der Gäubahn an den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof erfolgt künftig über den Pfaffensteigtunnel und den Stuttgarter Flughafen. Auf den freiwerdenden Flächen kann die Landeshauptstadt Stuttgart dann den dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum schaffen. Wir setzen uns für den Erhalt der Panoramabahn in Stuttgart für den Schienenpersonennahverkehr ein.“

FDP: „Wenn Stuttgart 21 in vollem Umfang in Betrieb geht, gibt es keinerlei Notwendigkeit mehr, Züge oberirdisch in den neuen Hauptbahnhof zu führen. Es ist ein Wesensmerkmal von Stuttgart 21, dass die freiwerdenden Gleisflächen für Wohn- und Gewerbebau sowie für Parkflächen genutzt werden. Die Gäubahn wird dann sehr leistungsfähig über den Pfaffensteig- und Fildertunnel angebunden.“

AfD: „Aus unserer Sicht muss die oberirdische Anbindung an den Hauptbahnhof auch nach der Eröffnung des S21-Tiefbahnhofs erhalten bleiben. Wir halten eine direkte, zuverlässige und leistungsfähige Verbindung für unverzichtbar – sowohl für Pendlerinnen und Pendler als auch für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Zudem sehen wir keinen Grund, funktionierende Infrastruktur stillzulegen, die mit überschaubarem Aufwand weiter genutzt werden kann. Die oberirdische Gäubahnführung muss bestehen bleiben, solange keine gleichwertige Alternative tatsächlich verfügbar ist.“

Linke: „Die oberirdische Anbindung der Gäubahn an den Stuttgarter Hauptbahnhof ist Voraussetzung für einen funktionierenden Bahnverkehr. Ohne sie droht im Zuge der notwendigen Verkehrsverlagerung auf die Schiene ein Verkehrskollaps am Stuttgarter Knoten. Wer Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit für Fahrgäste und Beschäftigte erhöhen will, muss die oberirdischen Gleise erhalten und damit für eine leistungsfähige, verlässliche Infrastruktur sorgen.“

Fazit: Es gibt eine klare Aufteilung. Bei den Parteien mit realistischer Regierungschance (Grüne, CDU, SPD, FDP) machen die Details den Unterschied. Die Abkopplung an sich stellt keine dieser Parteien in Frage. Allerdings sprechen die Grünen immerhin von einem oberirdischen Betrieb, bis sich der Tiefbahnhof „bewährt“ habe, was auch erst einige Zeit nach der eigentlichen Eröffnung der Fall sein könnte. Linke und AfD wollen den oberirdischen Anschluss dagegen erhalten.

Gäubahn-Frage 2: Wie steht Ihre Partei zum Bau des Pfaffensteigtunnels?

Die Grünen: „Der Pfaffensteigtunnel ist eine sehr teure, aber notwendige Korrektur der fehlerhaften Planung des Projekts Stuttgart 21, um den Landesflughafen auf den Fildern anzubinden. Er ist ein Vorhaben aus dem Bundesverkehrswegeplan und wird von der DB InfraGO im Auftrag des Bundes geplant und gebaut. Um die geplante Kappung der Gäubahn in Stuttgart-Vaihingen so kurz wie möglich zu halten, setzen wir uns dafür ein, dass der Pfaffensteigtunnel so schnell wie möglich realisiert wird.“

CDU: „Die CDU hat sich von Anfang an klar für den Pfaffensteigtunnel als zentralen Baustein im Ausbau der internationalen Bahnverbindung Stuttgart-Singen-Zürich eingesetzt. Wir sind daher sehr froh, dass die Finanzierung gelungen ist und bereits mit ersten Arbeiten begonnen wurde. Der Tunnel verbessert die Anbindung an den Flughafen, schafft die Grundlage für schnellere und zuverlässigere Verbindungen und wird eine leistungsfähige Direktanbindung an den Tiefbahnhof sicherstellen.“

SPD: „Wir unterstützen den Bau des Pfaffensteigtunnels und freuen uns, dass nach erfolgter Planfeststellung noch in diesem Jahr mit den Bauarbeiten begonnen werden kann.“

FDP: „Wir unterstützen den Bau des Pfaffensteigtunnels als wesentliche Verbesserung des Bahnverkehrs.“

AfD: „Wir lehnen den Pfaffensteigtunnel ab, weil er ein überteuertes Prestigeprojekt ist, das den Steuerzahler belastet und den ländlichen Raum schwächt. Wir sehen in der jahrelangen Unterbrechung der Gäubahn einen schweren verkehrspolitischen Fehler.“

Linke: „Der Pfaffensteigtunnel ist das nächste Milliardenloch und muss gestoppt werden. Die Kosten steigen mal wieder vor Baubeginn um ein Vielfaches, während der erwartete Kapazitätsgewinn in keinem Verhältnis steht. Zudem bestehen erhebliche Sicherheitsbedenken, insbesondere beim Brandschutz. Frau Palla muss nun beweisen, dass sie zu ihrem Wort steht und keine Fehler ihrer Vorgänger wiederholt.“

Fazit: Der Pfaffensteigtunnel, dessen Finanzierung durch Bundesmittel steht und für dessen Bau sogar bereits Vorarbeiten laufen, wird auch hier von allen realistisch regierungsbeteiligten Parteien unterstützt oder akzeptiert, die Grünen blicken dabei noch am kritischsten aufs Projekt. AfD und Linke lehnen den Bau dagegen ab.

Gäubahn-Frage 3: Befürwortet Ihre Partei einen beschleunigten Ausbau des Abschnitts der Gäubahn südlich von Horb? Wenn ja: Wie würden Sie sich dafür einsetzen?

Die Grünen: „Der Ausbau der Gäubahn südlich von Horb darf nicht verzögert werden. Die Strecke ist sowohl für den Nah- und Fernverkehr als auch für den Güterverkehr wichtig. Die Planungen dauern schon viel zu lange. Mit dem Infrastruktur-Sondervermögen des Bundes hat die Bundesregierung ausreichend finanzielle Mittel, um das Schienennetz zu modernisieren und auszubauen. Dafür werben wir auf allen Ebenen.“

CDU: „Der beschleunigte Ausbau des südlichen Abschnitts der Gäubahn ist zwingend erforderlich. Gerade dort bestehen noch infrastrukturelle Engpässe, die die Leistungsfähigkeit der Strecke einschränken. Hier braucht es eine enge Zusammenarbeit mit dem Bund, um eine deutliche Beschleunigung der Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie eine auskömmliche Finanzierung sicherzustellen.“

SPD: „Der Ausbau der Gäubahn südlich von Horb ist schon lange unser erklärtes Ziel, um diese europäische Magistrale endlich auf einen zeitgemäßen Standard im Rahmen des Deutschlandtakts zu bringen. Doppelspurinseln, der Sulzer Tunnel und die Singener Kurve sind dabei zentrale Ausbauvorhaben. Wir unterstützen die Bahn und den Bund bei der beschleunigten Planung, damit die Baumaßnahmen so schnell wie möglich in Angriff genommen werden können.“

FDP: „Wir verfolgen das Fernziel eines zweigleisigen Ausbaus. Die Planungen sind voranzutreiben und beim Bund die Finanzierung einzufordern.“

AfD: „Wir befürworten einen beschleunigten Ausbau südlich von Horb, weil diese Strecke für die regionale Anbindung und die wirtschaftliche Entwicklung unverzichtbar ist. Gleichzeitig lehnen wir den geplanten Tunnel zwischen Neckarburg und dem südlichen Ende von Sulz entschieden ab. Dieses Projekt wäre teuer, langwierig und schädlich, da der Bahnhof Sulz dadurch faktisch überflüssig würde. Wir setzen uns deshalb für einen oberirdischen Ausbau ein.“

Linke: „Es braucht es den beschleunigten zweigleisigen Ausbau der Gäubahn südlich von Horb. Die für den Pfaffensteigtunnel vorgesehenen 1,7 Milliarden Euro wären dort deutlich sinnvoller investiert. Die Linke fordert eine Bahnpolitik, die sich endlich an den Bedürfnissen von Fahrgästen und Beschäftigten orientiert statt an Prestigeprojekten.“

Fazit: „Dauert schon viel zu lange“ (Grüne), „deutliche Beschleunigung“ (CDU), „so schnell wie möglich“ (SPD), „unverzichtbar“ (AfD) – an klaren Aussagen mangelt es nicht, es sind sich schlichtweg alle Parteien im Kern einig. Inhaltlich am konkretesten werden die SPD und AfD. Nur die FDP spricht zurückhaltender von einem „Fernziel“. In der künftigen Landesregierung werden definitiv Parteien vertreten sein, die sich an ihren deutlichen Aussagen messen lassen müssen.