Sehr geehrter Herr Gaßmann, lieber Rolf,
die persönliche Anrede belegt mein SPD-Parteibuch.

Nach Ihrem heutigen Beitrag in der Stuttgarter Zeitung sehe ich mich als früherer Baubürgermeister der Verwaltungsgemeinschaft Backnang zu einer kritischen Stellungnahme veranlasst.

Nach meiner sorgfältigen Auswertung des Städtebaulichen Rahmenplans „Rosenstein“ ergibt sich glasklar, dass alle drei Quartiere am Bedarf bezahlbaren Wohnraums vorbeigeplant sind:

  1. Nach den Zahlen der Stadt zu den Bruttogeschossflächen lässt sich leicht auf die Summen der Wohnflächen schließen. Geht man vorsichtig vom letztlich wohl realistischen Mittelwert von 5.200 Wohneinheiten aus, so errechnet sich eine mittlere Wohnungsgröße von rund 68 m². Ich frage mich, ob das angesichts der zahlreich geplanten Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen aller Art noch familiengerechte – und bezahlbare – Wohnungen sind. Jedem Fachkenner muss klar sein, dass der (nicht subventionierte) Marktpreis in dortiger Innenstadtlage sicher bei über 12.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche liegen wird. Wenn das mal nur reicht, füge ich hinzu! Dies mit entsprechender Folge für die Mietpreise. Selbst mit jedweder denkbaren Subvention wird das für die am dringendsten nach geeignetem Wohnraum suchenden Familien mit Kindern nicht bezahlbar!
  2. Es ist zweifelsfrei zugunsten eines ausgewogenen Wohnungsmix‘ zudem von einem Anteil an größeren Wohnungen und Penthäusern ab 100 m² und mehr auszugehen. In diesem Fall ergibt sich für das Gros der familiengeeigneten Wohnungen gerade noch eine durchschnittliche Wohnfläche von 60 bis 63 m². Geht man von der Maximalzahl der Wohnungen des Rahmenplans von 5.700 Einheiten aus, bewegen sich die Wohnflächen noch deutlicher nach unten. Die Untergrenze des Rahmenplans von 4.700 Einheiten scheidet nach meiner Überzeugung aus schierem wirtschaftlichem Druck aus.
  3. Die Stadt Stuttgart verhebt sich pekuniär an den extremen Kosten für die Altlastenbeseitigung, die Bereitstellung der Bauflächen incl. innerer Erschließung und öffentlichen Gebäuden und gefährdet daher ihre finanzielle Zukunft! Sollte dies dennoch über Subventionen in einem finanziellen Kraftakt gelingen, stellt sich die Frage ob bezahlbarer Wohnraum bei den längst erkennbaren jahrelangen Verzögerungen auf den weiter benötigten Gleisflächen, nicht viel zu spät entsteht. Braucht die Stadt ab den 40er-Jahren überhaupt noch solche Wohnquartiere? Dagegen könnten andere Flächen über städtebauliche Entwicklung von Brachflächen in der Stadt deutlich schneller genutzt werden. Vor allem müsste endlich mal der Leerstand von 11.000 Wohnungen in Stuttgart wirkungsvoll bekämpft werden.

Nach meiner festen Überzeugung wird in keinem der drei Quartiere bezahlbarer, vor allem familiengerechter, Wohnraum dort entstehen. Nicht zuletzt verbieten die gravierenden Folgen für das Stadtklima im überhitzten Talkessel die Bebauung. Insbesondere auf den Gleisflächen des heutigen Abstellbahnhofs, der in den Nachtstunden ein Kaltluft-Entstehungsgebiet ist, welches wenigstens noch für einen gewissen Luftaustausch mit dem hochgradig schadstoffbelasteten Gebiet um die Neckarstraße sorgt.

Schließlich ist – für mich als gelerntem Verkehrs- und Eisenbahnfachmann – längst erwiesen, dass der nur 8-gleisige Tiefbahnhof trotz, oder sogar wegen, der verzweifelt anmutenden, milliardenschweren „Tunnel-Verschlimmbesserungen“ der Bahn niemals für einen funktionierenden, künftigen Bahnknoten ausreicht. Einzig möglicher Ausweg aus dem immer schlimmer werden Dilemma ist von daher dringend der Erhalt des Kopfbahnhofs, zusätzlich zum nun leider fast fertiggestellten Tiefbahnhof. Diesen Bedarf an oberirdischen Gleisen und damit den Verbot der Bebauung der Gleisflächen regelt § 23 des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) sogar in seiner ursprünglichen Fassung.

Die Kosten für die Sanierung und Modernisierung des Kopfbahnhofs und der Panoramastrecke, die dringend zur Vermeidung der indiskutablen Unterbrechung der Gäubahn weiter benötigt wird, betragen mit ca. 1,5 Milliarden Euro maximal die Hälfte der Kosten des bahnbetrieblich absurden Pfaffensteigtunnels. Just das u.a. für die Sanierung von maroden Bahnanlagen eingerichtete Sondervermögen „Infrastruktur“ eröffnet für den Bund die Chance, die Beträge von insgesamt 6 bis 7 Milliarden für die unsinnigen Tunnel „Pfaffensteig“ und „Nordzulauf“ aus dem inzwischen äußerst kritisch verschuldeten Kernhaushalt zu sparen.

Naturgemäß erfordert der erwiesene Bedarf an oberirdischer Gleisinfrastruktur die Rückabwicklung des Grundstücksdeals der Stadt mit der Bahn. Dies wiederum würde für die städtebaulichen Entwicklungen anderer kurzfristig verfügbarer Flächen – siehe oben, 3. -, für einen warmen Geldregen in der Stadtkasse sorgen.

Der Bebauungsplan für das Europaquartier, mit dem vollendete Tatsachen gegen den Erhalt oberirdischer Gleise in der bahnbetrieblich bedeutendsten Zone bewusst übers Knie gebrochen werden, muss nach alledem mit aller Macht verhindert werden. Genau an dieser Stelle setzt das von Ihnen so kritisch beanstandete Bürgerbegehren an.

Für Rückfragen, gerne auch ein persönliches Gespräch, stehe ich jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Frank Distel

Dipl.-Ing. Frank Distel
Bürgermeister a.D.
Kirchsteig 5 a
78343 Gaienhofen