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23.5.2013 : 4:51 : +0200

Prof. Roland Ostertag, Stuttgarter Architekt

"Es scheint den verantwortlichen Politikern und Planern noch gar nicht klar geworden zu sein, welche verheerenden Folgen dieses Projekt für die Zukunft unserer Stadt haben würde."

Wir wollen nicht, ...

  • ... dass die grosszügigen königlichen Parkanlagen, die vom Zentrum der Stadt bis zum Neckar reichen, an ihrer empfindlichsten Stelle quer zum Tal aufgeschlitzt, durch eine mehrere Meter über die natürliche Höhe aufgewölbte baumlose Mondlandschaft mit riesigen Glubschaugen zerstört werden.
  • ... dass der Stuttgarter Hauptbahnhof, international bekanntes Wahrzeichen der Stadt, seiner Flügelbauten beraubt, massakriert und wie eine vergrößerte S-Bahnstation in den Untergrund verlegt wird, damit man die Stadt ein paar Minuten schneller durchqueren kann.
  • ... dass die Ankunft in Stuttgart mit dem großartigen Blick auf Stadt, Park und Weinberge zugunsten einer Ankunft nach kilometerlanger Tunnelfahrt im Keller aufgegeben wird, nur weil der Bahnhof einigen Planern im Wege steht und Stuttgart sich nur noch durch ein Schild zu erkennen gibt.
  • ... dass die Lebensadern der Stadt durch den bisher massivsten Eingriff in die Ökologie, die Natur und Ressourcen des Talkessels, z.B. die Grundwasserströme, die Mineralquellen - die zweitgrößten Europas - gefährdet werden oder versiegen.
  • ... dass Stuttgart nicht nur sein Gesicht, sondern auch seinen Ruf als bekannte Park-, Garten- und Bäderstadt verliert.
  • ... dass durch eine Funktionalismus-Ideologie, die den Fortschritt nach Minuten zählt, durch die Eingriffe in den Stadtgrundriss, in die Anlagen, den Bahnhof, das historische, das begehbare Gedächtnis der Stadt missachtet und zerstört wird.
  • ... dass eine trostlose "neue City/Innenstadt" jenseits des Bahnhofs die "alte City/Innenstadt" infrage stellt.

Oder ...

  • Wollen wir unseren Kindern und Enkeln außer einer jahrzehntelangen Baustelle dieses Zeugnis einer technokratischen Gedanken- und Rücksichtslosigkeit gegenüber der Stadt- und Baukultur hinterlassen?
  • Wollen wir Stuttgarter einen solchen gigantischen Schwabenstreich, den sich Politiker und Ingenieure ausgedacht haben, auch noch finanzieren?

Die Zerstörung der Stadt

Seit vielen Jahren werden aus dem Haushaltsbudget der Stadt Stuttgart Gelder geparkt, so dass für die Realisierung von Stuttgart 21 heute satte 200 Millionen Euro an städtischem Geld zur Verfügung stehen. Einerseits ein Skandal, betrachtet man sich die gegenwärtige Ausstattung von Kitas, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie den Pflegenotstand an Krankenhäusern und Sozialeinrichtungen. Andererseits tut die Stadt sicherlich gut daran, diese Gelder zu horten, denn bis heute kann keiner wirklich voraussagen, welche finanziellen Belastungen (vor allem in Form von "Kollateralschäden") letzten Endes auf die Stadt zukommen werden.

So sind beispielsweise die zu erwartenden Kosten für die Entsorgung der Altölvorräte unter dem heutigen Kurt-Georg-Kiesinger-Platz (hier befand sich bis in die Siebziger Jahre eine Tankstelle) noch nicht öffentlich bekannt gemacht worden, sondern rangen dem Bahnprojektssprecher Wolfgang Drexler nur die Randbemerkung ab, wonach die Bahn hier mit der Stadt noch ins Gespräch kommen müsse.

© Friederike Groß (StZ, 29.8.2009)


Die Berufsfeuerwehr
Tatsächlich mussten für das Milliardenprojekt schon im Vorfeld viele andere städtische Investitionen zurück gefahren werden. So klagt die städtische Feuerwehr wegen der klammen Finanzlage über Einsparungen von 2,4 Millionen Euro. Und das, obwohl bereits der jährliche Sachmitteletat in Höhe von 3,8 Millionen Euro für den Unterhalt der Feuerwachen und Löschfahrzeuge nicht mehr ausreicht. Zudem müssten weitere 50 Stellen auf den Feuerwachen gestrichen werden (das sind 10 Prozent des Personals), um das neue Sparziel zu erreichen. Dabei sind die Rettungseinsätze in der Landeshauptstadt aufgrund der vielen S- und Stadtbahntunnel sowie zahlreicher Tiefgaragen besonders personalintensiv, weil dort von zwei Seiten zum Brandherd vorgedrungen werden muss. Dass Feuerwehrleute derzeit bereits freiwillige Überstunden in Kauf nehmen (und somit 16 Planstellen einsparen), sei nur am Rande erwähnt. Wirklich absurd wird die ganze Spardiskussion jedoch gerade vor dem Hintergrund von Stuttgart 21, das mit 30 Kilometern zusätzlichen Eisenbahntunneln die Stuttgarter Berufsfeuerwehr vor Herausforderungen stellen dürfte, die nach derzeitigem Planungsstand nicht zu leisten sind.

Die Polizei
Ein ähnliches Szenario ist im Bereich der öffentlichen Ordnung zu beobachten. So mahnte die SPD laut einer SWR-Meldung, die Polizei werde "professionell ausgedünnt", weil der Etatentwurf für den Doppelhaushalt 2010/2011 sechshundert Stellen weniger ausweise als noch 2009. Und obwohl der Innenminister ankündigte, bis 2013 bis zu 1.270 zusätzliche Polizeibeamte einzustellen, fragt man sich als vernunftbegabter Mensch schon, weshalb nicht wenigstens ein Teil der Finanzmittel vom Altar des goldenen Kalbes Stuttgart 21 genommen werden kann.

Das Tiefbauamt
Auch das städtische Tiefbauamt moniert, dass der Etat für den Erhalt von Treppenanlagen, Straßen und Gehwegen im  Doppelhaushalt 2010/2011 um weitere 20 Prozent "eingedampft" werden müsse. Habe im Haushaltsjahr 2009 noch ein Betrag in Höhe von 8,5 Millionen zur Verfügung gestanden, könne man nun, bedingt durch die Sparquote, nur noch 6,5 Millionen Euro ausgeben.
Das Resultat: Schlaglöcher, wohin man blickt, und ein launiger Kommentar des Tiefbauamtsleiters: "Die Stuttgarter werden sich an schlechte Straßen gewöhnen müssen".

Der Tanz ums goldene Kalb und andere Rathauseitelkeiten

Nicht minder gewöhnungsbedürftig ist auch die Tatsache, dass in der größten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg und einer Finanzlage, die fast allen Berufszweigen und vielen städtischen Institutionen schwere Opfer abverlangt, die Stellenneuschaffung einer "Bürgerbeauftragten für Stuttgart 21 " mit einem monatlichen Salär zwischen 4000 und 5000 Euro möglich ist. Und das, obwohl die städtische Angestellte Alice Kaiser, die seit Dezember 2009 im Kommunikationsbüro des Bahnprojektsprechers Drexler sitzt, in der öffentlichen Wahrnehmung eher als entbehrlich gilt.
Nicht minder entbehrlich dürften auch die Publikationen des Oberbürgermeisters Dr. Wolfgang Schuster sein, der in 10 Jahren sieben Bücher mit so klingenden Titeln wie "Du brauchst Bewegung" oder "Die regierbare Stadt" verfasst und den Stuttgarter Steuerzahler um geschätzte 140.000 Euro erleichtert hat. Dass diese von der Stadt als Präsente für scheidende Beamte und arme Rathausgäste teuer erkauften Bücher nun in den Regalen verstauben, während an allen Ecken und Enden gespart wird, mag zwar Anekdotencharakter besitzen. Aber es berührt einmal mehr das, was in dieser Stadt bereits zerstört wurde und für kein Geld der Welt wieder zu bekommen ist: Das Vertrauen der Bürger in die Stadtoberen.

 

Mineralwasser

Dr. med. Godhard M. Husemann

hat in Der Merkurstab Nr.6 (1998) S.387-389 die “Konfliktschwerpunkte” der Geologen und Ingenieure dargestellt und ausgewertet.

Das Quellwasser in Bad Cannstatt wird in physikalisch therapeutischer Art für Krankheiten von Herz und Kreislauf und des Skelettsystems angewandt. Es kann als Trinkwasser kommender Generationen dienen. Die Bäder in Bad Cannstatt sind Orte der Erholung für Millionen von Menschen. Durch die geplanten Baumaßnahmen und Baukörper in der Tiefe entsteht die Gefahr der Vermischung von verseuchtem Grundwasser, das höher liegt, mit dem tiefer strömenden Mineralwasser. Es entsteht das Risiko, die Mineralquellen für immer zu zerstören. Deswegen schützen normalerweise alle Behörden durch den Quellenschutz die eigenen Quellen, was bei uns durchbrochen wurde. Dies ist ein Skandal!
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