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20.6.2013 : 5:11 : +0200

Der Autor - Prof. Roland Ostertag - ist Architekt in Stuttgart

Stuttgarts Schatz (Teil 1)

Gegen die Enge oder Geist wird Form

Stuttgart - Jahrtausende benötigte der Nesenbach für die Ausräumung des rund drei Kilometer langen Tals als einzige Öffnung aus dem Stuttgarter Becken bis zum Neckartal. Es wird wohl eine sumpfige Wiesenaue mit zunehmendem Bewuchs bis zur umgebenden waldbekrönten Berg- und Hügelwelt gewesen sein. Warum hat sich gerade in diesem unzugänglichen, abgeschiedenen Becken eine Stadt entwickelt?

Am 10. August 955 schlug Otto der Große, der spätere Niedersachsen-Kaiser, die Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg mit deren eigener, inzwischen von ihm weiterentwickelter Waffe, einem überlegenen Reiterheer. Danach meinte jeder Groß- und Duodezfürst, diese Waffe, Pferde, auch anschaffen zu müssen, nachrüsten zu müssen. So auch Herzog Ludolf von Schwaben, unglücklicher Kurzzeit-Regent von 949 bis 954. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort, wo die notwendigen Pferde untergebracht und gezüchtet werden könnten, wurde, abseits vom Neckartal, umgeben von Bergen, der Talkessel - Wiesen und Seen in der Mitte, nur durch eine Öffnung, das Nesenbachtal zugänglich - entdeckt. Dort war reichlich Platz, waren beste Voraussetzungen gegeben. Nicht um dort Pferde für Rennen, Dressur- und Springreiten, sondern um die neueste und wichtigste Rüstungsproduktion zu züchten - versteckt vor den Feinden. Dies der Grund weshalb Stuttgart hinten im Tal, im Becken liegt. Dieser Stutengarten war die Geburtsstunde Stuttgarts.

Umgeben von einer Absteckung, darin ein steinernes Wächter-/Stuthaus, dort wo das älteste, den Krieg überlebende, 1950 abgebrochene "Steinerne Haus" stand, neben der heutigen Stiftskirche. Daraus wurde ein Hof, ein Weiler, eine Burg, ein Dorf, ein Städtchen, eine Stadt, die heutige Landeshauptstadt Stuttgart.

Dieser Zustand, Pferdezucht, in einer vom Nesenbach durchflossenen, gelegentlich überschwemmten Auen- und Weidelandschaft, dauerte bis in das 14. Jahrhundert. Biotop würde man heute dazu sagen und sinnend davor stehen. Was ist davon geblieben? Die konventionellen Reiterheere wurden in den folgenden Jahrhunderten immer unwichtiger, militärisch fast überflüssig, ja hinderlich, weil äußerst verwundbar. Ersetzt durch Maschinen zum Töten, für die man keinen Stutengarten, sondern unterirdische Fabrikationshallen benötigte. Pferdeheilige, ein Rösslein ist geblieben, tausendfach als Wappen der Stadt reproduziert. Einige stehen seligen Angedenkens im Schlossgarten, die Rossebändiger-Gruppe.

Mit dem Lustgarten Richtung Neckar

Erst Mitte des 14.Jahrhunderts dachten die ersten Grafen von Württemberg daran, außerhalb ihrer introvertierten Wasserburg Gärten anzulegen, dem Wildwuchs abzutrotzen, parallel zum Schlossausbau zu einer Vierflügelanlage die Gärten zu erweitern. Der Herzogingarten neben dem Schloss (heutiger Karlsplatz), der kleinere Lustgarten als nächster bescheidener Schritt in Richtung Neckar mit dem Alten (1554-1563) und Neuen (1583-1593) Lusthaus. Das Zentrum der Herzogs-, der Königs-, der Landeshauptstadt mit ihren Bauten - Schlösser, Königsbau und Theater - stehen auf dem Boden des Gestüts. Hier begann die Abfolge der Gärten, die später bis zum Rosensteinpark und zum Neckar fortgesetzt wurde. Nach dem kleineren folgte der größere Teil des Lustgartens bis in etwa dorthin, wo heute die traurige Lusthausruine steht. Bis ins 16. Jahrhundert "Turgartt" und "Tirgart" genannt, einer der wenigen Renaissance-Höhepunkte nördlich der Alpen, der nach Decker-Hauff "in ganz Europa berühmte Zier- und Lustgarten" mit seinen Bauten, Rückgrat der "königlichen Anlagen". Ganz im Gegenteil zu ihrer heutigen Geringschätzung.

Das 17. und 18. Jahrhundert hatte kein Interesse an dem Erhalt oder gar der Erweiterung des Lustgartens. Kriege und ihre Nachwehen, die Verlagerung der Residenz nach Ludwigsburg und Rückverlagerung nach Stuttgart standen im Mittelpunkt. Balthasar Neumann, Nicolas de Pigage und R. F. H. Fischer brachten sich mit Entwürfen für eine barocke Gartenanlage in Erinnerung. Keiner dieser Entwürfe wurde ausgeführt. Erst nach Ende der Napoleonischen Kriege und der Ernennung Herzog Friedrichs (1754-1816) von Napoleons Gnaden 1806 zum ersten König Württembergs, erlebte Stuttgart einen städtebaulichen Schub. Die bisher herzogliche musste zur königlichen Residenzstadt ausgebaut werden.

Ausgehend von der von Retti begonnenen Schlossanlage sollte ein repräsentativer königlicher Park angelegt werden. Bereits 1807 legte der nun königliche Hofarchitekt Nicolaus Friedrich von Thouret (1767-1845) einen Generalplan für die königliche Residenz vor. Wesentlicher Teil des Plans war die Gestaltung der Schlossanlagen im Zuge des Nesenbachtales bis zum Neckartor. Friedrich segnete diesen Plan mit dem berühmten "So soll es seyn" ab.

Stilistisch war der Park eine Stuttgarter Mixtur von verschiedenen Elementen: Barock-klassizistische Achsensysteme, Hauptachse auf den Seitenflügel des Schlosses ausgerichtet, Elemente englischer Landschaftsparks, des Englischen Gartens in München (1789), Elemente der Ludwigsburger Schlossanlagen und (verformte) natürliche Elemente, etwa des Nesenbachs. Es entstand ein mit Zäunen, Hecken und Wachtürmen umgebener 40 Hektar großer Park, der mit vielen Reglementierungen der Bevölkerung als Volksgarten zur Verfügung gestellt wurde.

Anschluss an die große weite Welt

Kaum waren die oberen Schlossgartenanlagen 1808 eingeweiht, sollten sie über den Mittleren, den Unteren Schlossgarten bis zum "Kahlenstein", dem heutigen Rosenstein, verlängert werden. Als Rückgrat eine, heute weitgehend noch vorhandene, über 1,5 km lange Platanenallee, ausgerichtet auf den Turm der Cannstatter Stadtkirche, als lockeres Gegenstück der geschwungene, gelegentlich zu Seen aufgestaute Nesenbach und ein freies Wegesystem. 1812/13 mit der Ausführung begonnen, wurde die künstlich-natürliche Beziehung aus dem Stuttgarter Becken, dem früheren Stutengarten, bis zum Neckar fortgeführt. Nicht nur die Beziehung vom Schloss zu seinem am Neckar liegenden Landhaus Bellevue, sondern der sichtbare Anschluss an die große weite Welt, an den Geist der durch das Neckartal braust, war Friedrich wichtig - und ist uns heute für die geistige und klimatische Entlüftung des Beckens bedeutsam. Auch in anderer Hinsicht wurde eine Beziehung zu den Ursprüngen der Stadt hergestellt. König Wilhelm I. (1781-1864) war ein leidenschaftlicher Pferdezüchter. Die vom Hofbildhauer Ludwig von Hofer geschaffene Rossebändiger-Gruppe am Rondell am Beginn der Platanenallee im Unteren Schlossgarten erinnert an diese Leidenschaft. Parallel zur Eröffnung des Unteren Schlossgartens 1812 wurde, von Friedrich I. initiiert und von Wilhelm I. zügig fortgesetzt - er wollte eine zeitlang Bad Cannstatt zum Regierungssitz machen - der nächste Park-Abschnitt begonnen, der später nach der Lieblingsblume der Königin Katharina (1788-1819) benannte Rosensteinpark. Mit zum Teil rigorosen hoheitlichen Maßnahmen wurden "Wengerter" und Landwirte gezwungen, ihre Grundstücke an das Königshaus abzutreten. Wie in den Jahrhunderten zuvor Architekten nach Italien zum Studium der dortigen Architektur, wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts Hofgärtner, in diesem Fall Johann Wilhelm Bosch, nach England und Schottland geschickt um die dortige Landschaftsarchitektur zu studieren. Nach Boschs Rückkehr 1822 wurde der fast 100 Hektar große Rosensteinpark in englischem Stil nach dem sogenannten Zonierungsprinzip angelegt. Während die tiefer liegenden Schlossgartenanlagen durch den Verlauf des Nesenbachtals und die umgebenden Hänge geprägt wurden, wurden von dem höher liegenden Rosensteinpark Sicht-, Bild- und Bedeutungsbeziehungen in die umgebende städtische und landschaftliche Umgebung hergestellt. Hinein in das Neckartal, das Remstal, das Tal des Nesenbachs, die damaligen Ortschaften, die umgebenden Hügel und Berge bis zur Schwäbischen Alb. Aber auch zu den herausragenden Bauten - die Berger Kirche, die Villa Berg, die Grabkapelle auf dem Rotenberg. Der Rosensteinpark dehnte sich durch seine visuelle Verzahnung mit der umgebenden Landschaft weit über seine unmittelbare Begrenzung Größe aus. Wer dafür empfänglich ist, kann dieses Landschafts- und Zivilisationsgemälde heute noch erleben, obwohl durch die Entwicklung zur Industrieregion die ursprünglichen Bildkompositionen erheblich verändert wurden.Letzte Perle in der Kette der unterschiedlichen Garten- und Landschaftsstile ist die "Wilhelma", eine maurische Gartenanlage. Eine wohl auf sich bezogene, topographisch durch eine Hangkante vom hochgelegenen Rosensteinpark abgetrennte in sich geschlossene Gartenanlage, jedoch visuell, thematisch nur im Zusammenhang, als Kontrasterlebnis zu dem benachbarten Rosensteinpark verständlich. Der romantische Eklektizismus Mitte des 19.Jahrhunderts entdeckte in Fortsetzung des antikisierenden Eklektizismus des Rosensteinparks die maurische Märchenwelt, die Alhambra, den maurischen Palast in Granada, Cordoba mit seiner Moschee und maurischen Bauten und Gartenanlagen. Der Bauherr König Wilhelm I. (1781-1864) veranlasste eine Expedition von Archäologen und Architekten nach Konstantinopel, Beirut, Jerusalem, Kairo, um die Märchenwelt vor Ort zu studieren. Karl Ludwig von Zanth (1796-1857), der Architekt der Wilhelma, war ein weitgereister, kenntnisreicher Mensch des 19. Jahrhunderts. 1837 begannen die Planungen für dieses "Märchen aus 1001 Nacht" in Stuttgart - und bis in die 1860er Jahre weitgehend realisiert. Villa Berg und Park Berg, die zeitlich, standortmässig und stilistisch letzte königliche Parkgründung - in den eklektizistischen Stilen des Historismus - schloss die Perlenkette in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert ab.

Der Autor - Prof. Roland Ostertag - ist Architekt in Stuttgart