Matthias Roser will verhindern, dass dem Bonatzbau aus den 20er Jahren die Flügel gestutzt werden. Sein Aufruf fand große Resonanz in der Architektenschaft.
Thomas Braun ...
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Matthias Roser - Der "Sekretär des Bahnhofs" kämpft
Donnerstag ist sein großer Tag. Im Berliner Martin-Gropius-Bau präsentiert Matthias Roser vor der Presse den von ihm mitinitiierten Appell zum Erhalt des Bonatzbahnhofs. Wer ist der Mann, dessen Aufruf von weltweit renommierten Architekten und Denkmalschützern unterstützt wird?
Im achten Stock des Bahnhofsturms ist Matthias Roser in seinem Element. Anhand historischer Originalpläne erläutert der Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Denkmalschutz, wie der in den 20er Jahren erbaute Turm in seinem Inneren ursprünglich einmal ausgesehen hat. Ein repräsentativer Sitzungssaal im zweiten Stock stand seinerzeit den Staatsgästen, die damals noch mit der Bahn anreisten, für Treffen mit der örtlichen Politprominenz zur Verfügung. "Ich will klarmachen, was wir hier für einen Schatz haben", sagt Roser. Dabei kommt dem 51-Jährigen auch seine Profession zugute: Er betreibt in Stuttgart ein Planungsbüro für stilgerechte Renovierung.
Schon als Student interessierte ihn die Geschichte des Baus
Schon seit seiner Diplomarbeit hat Roser die Geschichte des Bonatzbaus fasziniert. 1987 sei er mit der Idee bei der Bahn vorstellig geworden, den 65. Geburtstag des Bahnhofs mit einem großen Fest zu begehen, erzählt er. Zum Festakt wurde sogar erstmals der französische Hochgeschwindigkeitszug TGV nach Stuttgart geschleppt. Damals, so Roser, habe die Bahn eben auch noch eine andere Haltung zu ihrem Bahnhof gehabt.
Seit Mitte der 80er Jahre hat sich Roser in zahlreichen Vorträgen und Publikationen mit der Geschichte des Bonatzbaus auseinandergesetzt. "Der Bau ist unglaublich wichtig für den Stadtorganismus", fasst er seine Erkenntnisse zusammen und entwickelt seine Version von Stuttgart 21: "Warum nicht die Seitenflügel erhalten, renovieren und dann als attraktive Innenstadtimmobilie vermieten?" Auch ein Rückbau der Cannstatter Straße entlang der Ostseite des Bonatzbaus und ein Anschluss des Schlossgartens an den Bahnhof sei vorstellbar. Roser: "Wir haben in Stuttgart Europas größten Park, aber er ist nicht wirklich an die Stadt angebunden."
Dass dem Bahnhof die Flügel gestutzt werden sollen, weil an ihrer Stelle nach dem Konzept des Stuttgart-21-Architekten Christoph Ingenhoven der Straßburger Platz mit seinen, 4,50 Meter hohen Lichtaugen realisiert werden soll, wollte Roser nicht einfach hinnehmen. Gemeinsam mit dem Kölner Denkmalschützer Ulrich Krings hat er deswegen einen Aufruf initiiert und ihn an renommierte Architekten und Denkmalschützer in aller Welt versandt.
Rund 270 Architekten haben unterschrieben
"Das war fast ein Selbstläufer", erinnert sich Roser. Rund 270 nationale und internationale Kapazitäten haben sich mittlerweile dem Appell zum vollständigen Erhalt der Zugstation angeschlossen - von den USA über Großbritannien, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz bis Marokko.
Anfangs, so berichtet Roser, hätten sich vor allem deutsche Architekten schwer mit ihrer Unterschrift getan - vielleicht, weil sie ihrem Kollegen Ingenhoven nicht in die Suppe spucken wollten, vielleicht auch, weil man potenzielle Auftraggeber nicht verärgern wollte: "Aber mittlerweile haben wir fast alle zusammen." Insbesondere Anhängern der klassischen Moderne (Bauhausstil) sei der Bonatzbau neben der Weißenhofsiedlung als Zeugnis dieser Architekturepoche auch im Ausland ein Begriff.
Rosers Familie trägt das Engagement mit
Seit April hat Roser viele ehrenamtliche Stunden in die Aktion investiert, Briefe geschrieben und E-Mails verschickt. "So was kann man nicht jahrelang nebenher machen", sagt er, seine Frau und die beiden Kinder tragen das Engagement aber mit. Die große Resonanz in Fachkreisen will er sich freilich nur bedingt anrechnen lassen: "Das ist das Verdienst des Bahnhofs, ich bin sozusagen nur sein Sekretär."
Jetzt hofft er, über die Resonanz in den Medien die verhärteten Fronten im Streit um Stuttgart 21 aufbrechen zu können: "Es ist wichtig, dass Gegner und Befürworter des Projekts nicht länger übereinander, sondern miteinander sprechen." Dazu will er seinen Beitrag leisten. Ihm schwebt ein Runder Tisch vor, an dem Politik, Bahn, Land, Architekten und Denkmalschützer vorurteilsfrei über die Möglichkeit der Integration des Bonatzbaus in den geplanten Durchgangsbahnhof reden.
Über die Finanzierung und die technische Details des Projekts Stuttgart 21 spricht Roser nicht, das ist nicht sein Thema. Ihm geht es vielmehr darum, "wie die Stadt mit ihren wenigen Baudenkmälern umgeht". Kostenbewusst ist er gleichwohl. Nach Berlin ist er deshalb gegen seine sonstige Gewohnheit auch mit dem Flugzeug angereist: "Wäre ich mit der Bahn gefahren, wäre mich das doppelt so teuer gekommen."
von Thomas Braun
erschienen am 9. Oktober 2008 in der Stuttgarter Zeitung


