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Leserbrief von Dr. Koch-Heintzeler an die STUTTGARTER NACHRICHTEN
"Wenig Widerstand gegen den Abriss des Südflügels"
titelten die STUTTGARTER NACHRICHTEN am Dienstag, 31. 01. 2012, weshalb ich diese Lesermeinung schrieb:
Stuttgart, den 2. Februar 2012
"Bei Abriss Aufstand", jetzt "Abgesang" auf eine Bürgerbewegung, die rund um den Globus Beachtung fand, die grandios war, kreativ, mit viel Herz und Verstand. War das jetzt das Ende des Protestes gegen S21? Mit Nichten! Aber es ist leider zumindest mal vorentschieden und sieht nicht gut aus: Auch der Südflügel wird jetzt abgerissen, von der Polizei geschützt, die alten Schatten spendenden Jahrhundertbäume im Herzen dieser Stadt fallen den Motorsägen zum Opfer. Gläserne Bullaugen werden sie ersetzen. Trostpflaster, wir bekommen ein paar Quadratmeter mehr Wiese im fernen Rosensteinpark Richtung Wilhelma.
Was bleibt? Wohl über siebzigtausend Stuttgarter haben sich an den Aktionen da und dort beteiligt, strömten Woche für Woche in und durch die Innenstadt, versammelten sich, demonstrierten friedlich, dichteten, malten Plakate, diskutierten mit Ernst und Satire, dokumentierten, filmten, stritten vor Gericht, brachten sich in die Heiner-Geissler-Schlichtung ein, schrieben Briefe, übernachteten vor, auf und unter Baumriesen im Schlossgarten, machten Party, forderten alternative Lösungen, um das Projekt zu verhindern. Anscheinend vergebens.
Stuttgart hat knapp sechshunderttausend Einwohner. Die meist indifferente Mehrheit wollte jetzt keinen "Streit" mehr, wollte, dass "da endlich mal Ruhe" ist. Das wird eine prima Ruhe werden: "Plus de discussion!" Für Krach, Verkehrschaos, Schmutz und Smog wird gesorgt sein für ein Jahrzehnt, mit Bau- und Bohrmaschinen, endlosen, abraumbeladenen Kolonnen von Lastwagen und Zügen durch halb Deutschland und Europa. Ich höre sie schon, diese Nach- und Spätlamentierer: "So hemmr ons des aber net vorgschdellt, des hemmr gar net gwisst, was do so bassiere wird, des hot ons koiner vorher gsagt". Wir Gegner von S21 schon, Schuster, Mappus und Grube natürlich nicht.
Die Amputierer sind jetzt am Werk. Sieger sind allein die direkt oder indirekt finanziell Profitierenden, weil eben Stuttgart 21 nur zum Schein ein Verkehrsverbesserungsprojekt der Bahn ist. Es war und bleibt das, was es ist, ein gigantisches, milliardenschweres Immobilienprojekt zu Nutz und Frommen einer Minderheit in Politik und Wirtschaft auf Kosten der Steuerzahler, also der Allgemeinheit.
Das Gegenprojekt K21, das die Modernisierung des bisherigen Bonatzschen Hauptbahnhofs zum Ziel hatte, - natürlich auch mit ein paar neuen Tunnelröhren und Brücken für den Anschluss der Strecke nach Ulm via Wendlingen und zum Flughafen - taugte dafür nicht. Maulwurflobbyisten oder Maulwülffe gab es hier schon vor der unglücklichen Bundespräsidentenwahl. Bleibt: Wir haben uns gewehrt und können sagen, wir sind dabei gewesen, haben uns eingebracht. Die Schwabenmetropole wurde durch unsere Demos zu einer international beachteten deutschen Großstadt. Auf die hier gelebte neue Streitkultur dürfen wir stolz sein. Sie ist in Sachen Bürgerprotest wegweisend geworden. Weiter so. Noch ist nicht aller Tage Abend hier im Ländle!
Schon den Kriminalroman von Michael Krug "Bahnhofsmission" gelesen?
Mittlerweile zu Recht ein Bestseller.
Dr. Dietrich Koch-Heintzeler
Facharzt für Innere Medizin
Manuelle Therapie - Chirotherapie - Psychosomatik
Stuttgart
"Ceterum censeo, lupum esse abeundum"

