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In acht statt 67 Minuten von Nürtingen zum Flughafen
Leserbrief vom 12.4.2009 an die Stuttgarter Zeitung
Es schmerzt schon sehr, miterleben zu müssen, wie die Lokalredaktion der Stuttgarter Zeitung seit der Finanzierungsvereinbarung von "Stuttgart 21" zu einer propagandistischen Jubelbude verkommt. In einer trommelfeuergleichen Dauerkanonade versuchen die immer selben drei Herren Wörner, Bury und Borgmann uns Lesern wider besseres Wissen einzubläuen, dass Stuttgart 21 nun "unwiderruflich kommt", "unumkehrbar ist", "in trockenen Tüchern sei", etc.
Den jüngsten Höhe- bzw. Tiefpunkt für derlei unkritischen Journalismus markiert Matthias Burys Artikel von, mit und über Professor Martin vom verkehrswissenschaftlichen Institut in S-Vaihingen. Mit ihm ruft er ausgerechnet jene Person als Kronzeugen für die Vorzüge von Stuttgart 21 an, der eines der größten Planungsdebakel in der Geschichte der Verkehrsneubauprojekte zu verantworten hat: den vom Eisenbahnbundesamt abgelehnten ICE-Tiefbahnhof
am Flughafen. Derselbe diskreditierte Professor preist nun als einen der größten Vorzüge von S21 die künftigen "Durchmesserlinien" an, mit denen man beispielsweise von Aalen nach Tübingen ohne umzusteigen durchfahren könne. Ganz abgesehen davon, dass diese Durchbindungen auch heute schon mit einem einzigen Fahrplan-Federstrich in Gang gesetzt werden könnten, verschweigt Herr Martin geflissentlich, dass seit der letzten großen Bahnreform der Regionalverkehr vom Land bestellt und bezahlt wird, oder vielmehr andersherum, bezahlt und entsprechend so knapp als möglich bestellt wird!
Angesichts sich beschleunigend entleerender öffentlicher Kassen werden die zuständigen Landesbehörden aber einen Teufel tun und Regionalzüge halbe "Durchmesser"-Strecken lang leer durch die Lande fahren lassen. Denn der Pendlerverkehrsfluss ist nun einmal so, dass morgens viele tausend Berufstätige aus der Region in die Landeshauptstadt hinein und
vergleichsweise nur sehr wenige hinaus wollen (abends umgekehrt). So sehr es also Sinn macht, morgens verstärkt Züge aus der Region nach Stuttgart fahren zu lassen, so unsinnig ist es, dieselben Züge nach deren weitgehender Entleerung in Stuttgart Hbf in ungeminderter Zügezahl weiter nach Tübingen oder sonstwohin ?durchzubinden?. Muss jeder Zugbesteller doch für leere Züge ebensoviel Trassenkilometer-Benutzungsgebühren bezahlen wie für volle! Einer der angeblich größten Vorzüge von S21 entpuppt sich damit aber einmal mehr als rein theoretische Luftnummer, deren Bloßstellung die Kür eines jeden Journalisten hätte sein müssen, der sich "kritisch" nennen will.

