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STUTTGART 21 - eine demokratische Katastrophe
Für mich ist der Stuttgarter Hauptbahnhof und die Zufahrt zu demselben das wichtigste Aushängeschild Stuttgarts.
Während meiner Internatszeit von 8 1/2 Jahren in St Blasien gab mir die Fahrt vorbei am Cannstatter Wasen, über den Neckar und durch den Rosensteintunnel, auf den Fernsehturm und das historische Bahnhofsgebäude mit dem Mercedes Stern zu immer ein gutes Gefühl. Hier ist für mich Heimat. Wie mir geht es vielen. Nicht nur aus Stuttgart sondern auch solchen aus der Provinz. Wer nie länger von zu Hause weg war und wer zu Stuttgart keine Beziehung hat, kann das nicht nachfühlen. Man könnte diese Haltung mit derjenigen vergleichen die Herbert Grönemeyer mit seiner Heimatsadt Bochum verbindet. Diese Verbundenheit ist unmittelbar in Gefahr.
Mein Urgroßvater war von1945-1946 Direktor des Stuttgarter Hauptbahnhofes und Reichsbahnrat und war am Aufbau nach den Bombardements wesentlich beteiligt. Ich habe ihn leider nicht kennengelernt. Er starb bereits kurz nach dem Krieg im Dienst an einem Herzinfarkt.
Die Firma meines Vaters OECON Mobilraum belieferte just viele der Firmen mit Baustellencontainern, die sich nun anschicken, die württembergische Bahninfrastruktur zu verschlimmbessern. Auch mein Vater - ein tugendhafter Mann der nachdachte bevor er sprach, und immer um Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit in seiner Firma bemüht war, starb mit 49 an einem Herzinfarkt.
Das Projekt Stuttgart21 ist ein überkommenes Relikt aus der Zeit des Wirtschaftsaufschwunges vor und unter Kohl. Eine Zeit in der der Größenwahn grassierte, eine Zeit in der große Teile einer bis dahin gut funktionierenden Bundesrepublik Deutschland plötzlich damit anfingen sich quasi unrettbar zu verschulden. Bundesweit überboten sich zu jener Zeit Politiker und Planer mit Prestigeprojekten. Bahnoffizielle, die von Marktwirtschaft und Bahnbetrieb weniger verstehen als von Marketing und Grundstücksspekulation machten fleißig mit und unterstützten das Projekt, das dem Naturell der langfristig denkenden Schwaben so gar nicht entsprechen kann.
Um der Bevölkerung das Projekt "nahezubringen" wurde in einem düsteren Turmzimmer im Hauptbahnhof eine Ausstellung eingerichtet, die das Projekt Stuttgart 21 zum Thema hatte. Der Württemberger an sich ist obrigkeitstreu. Er hängt an seiner Scholle. Und er ist fleißig. So fleißig dass er keine Zeit hat, sich ein düsteres Turmzimmer und die Phantastereien irgendwelcher Planer anzusehen, solange er seinen eigenen Besitz nicht direkt bedroht sieht.
Volksentscheide - anderswo ein probates Mittel um solche Unsinnsprojekte loszuwerden, sind in Baden Württemberg die absolute Ausnahme. Dies mag daran liegen dass die Württemberger noch bis in 19. Jahrhundert Leibeigene waren. Der letzte württembergische König Wilhelm II. von Württemberg war im Volk sehr beliebt. Aufstände (auch berechtigte) haben in Württemberg (anders als in Baden) wenig Tradition. Wen wundert es also dass die Baden Württemberger auch heute kaum auf die Straße gehen obwohl sie gegen Stuttgart 21 sind? Dass der organisierte Widerstand gegen das Projekt immerhin Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern mobilisieren kann, muss als Ausdruck eines besonders großen Widerwillens in der Bevölkerung gewertet werden.
Stuttgart 21 hat ehrbare Ziele wie z.B. die bessere Anbindung der gesamten Region an den Flugverkehr, die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs, die Rückgewinnung begehrter Flächen oder die verkürzte Fahrzeit von und nach Ulm.
Hält man allerdigs die Nachteile dagegen, so bleibt unterm Strich ein massives Bauprojekt, das hohe Kosten verursacht und in Teilen mehr Probleme schafft als es löst. Die Stadt Stuttgart wird auf der Durchgangsstrecke München-Paris an Bedeutung verlieren. Die hohen Investitionen werden sich in keiner Hisicht auszahlen.
Selbst die zusätzlich in Aussicht gestellten Arbeitsplätze in der Baubranche sind nicht mehr als ein mit Steuergeldern geschürtes Strohfeuer.
Nachdem man bereits hunderte von Millionen dafür ausgegeben hat, das Projekt NICHT umzusetzen will man jetzt, mehr zwanzig Jahre nach Beginn der Planungen - Tatsachen schaffen. Mit Baggern und Abrissbirnen. - dies obwohl sich zwischenzeitlich immer mehr Menschen gegen das Projekt wenden und sich darüberhinaus bauliche und wirtschaftliche Hindernisse für Teile des Projekts abzeichnen. Von einer drohenden nachhaltigen Minderung der Lebensqualität vieler Stuttgarter einmal ganz zu schweigen.
Bereits vor Jahren haben führende und weniger führende Politiker bindende Verträge mit Wirtschaftsunternehmen über die Umsetzung von Stuttgart 21 geschlossen. Dies wird nun als Argument FÜR das Projekt verwendet. DAS IST KRANK!
Es trägt den Umständen überhaupt keine Rechnung dass:
1. Die Bevölkerung Stuttgarts und Baden Württembergs heute mehrheitlich gegen das Projekt ist und damals lediglich schlecht informiert war. Lange Zeit sah es nicht so aus als müsse man das Projekt ernstnehmen. In der Auffassung vieler Bürger handelte sich um Prestigeprojekt von Großkopfeten Planern, das an den Sorgen und Nöte der Bevölkerung vollständig vorbeiging. Solange es sich auf Planungen beschränkte war auch genug "Spielgeld" da.
2. Es Alternativen zur Tieferlegung des Hauptbahnhofes gibt, die die Mineralwasservorkommen und das Wohl vieler Stuttgarter gefährdet. siehe Konzept Kopfbahnhof 21
3. Krisenbedingt die Veräußerung / Vermietung frei werdender Nutzflächen als viel weniger rentabel herausstellt als geplant. Wie im gesamten Bundesgebiet stehen auch in Stuttgart viele Büro und Wohngebäude leer. Die Geburten gehen zurück, die Industrie schrumpft sich nach einer Überhitzung gesund.
4. Bund, Land und Stadt Stuttgart sind trotz hoher Steuereinnahmen in Baden Württemberg massiv verschuldet.
Die Bahn soll effektiv und möglichst wirtschaftlich Güter und Personen befördern und dabei möglichst jeden Ort erreichen. Der neue Durchgangsbahnhof wäre für die Bahn aufgrund seiner hohen Betriebskosten weniger wirtschaftlich als der existierende.
Auch viele Polizisten, die jetzt das Projekt Stuttgart 21 schützen müssen (wer zahlts? Der Steuerzahler! ) sind gegen das Projekt. Pervers. Die Verantwortlichen sollten die Sicherheitskräfte nach Hause schicken und sich bei Ihnen entschuldigen für die Perversion die man ihnen da antut.

