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22.03.2012 09:30 Alter: 1 Jahre

Ein Appell zur Erhaltung/Teilerhaltung des alten Bahndirektionsgebäudes an der Heilbronner Straße

Von: Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21

Es reicht! Ist die Bahn von allen guten Geistern verlassen?

Die Bahn will neuerdings das alte Bahndirektionsgebäude an der Heilbronner Straße komplett abbrechen. Nachdem sich Stuttgarts Bürger und der Gemeinderat für die Teil-Erhaltung der alten, historisch bedeutenden Direktion ausgesprochen haben, wäre ein Abrücken von dieser Position fatal.

Aufgrund seiner kulturhistorischen Bedeutung (s.u.) wurde das Direktionsgebäude bereits vor Jahrzehnten als ein hoch qualifiziertes Kulturdenkmal eingestuft. Es besteht damit ein öffentliches Interesse an dessen Erhaltung.
Dennoch konnte die Bahn erreichen, dass der größte Teil des Gebäudes - die Längs- und Querflügel - abgebrochen werden dürfen, wegen des darunter geplanten Bahntunnels, um Kosten für eine Unterfahrung des Baukomplexes zu sparen. Der Kopfbau jedoch sollte als bedeutendster Teil des Baukomplexes aus den Abrissplänen der Bahn ausgespart bleiben. Das will die Bahn nun ändern.

Die Vertreter der Stadt hatten sich bereits vor Wochen energisch für die Erhaltung des markanten Kopfbaus ausgesprochen. Dessen ungeachtet stellt die Bahn ihren Antrag im Lenkungsausschuss neu. Sie will die Stadt als Förderin des Bahnprojekts damit offenbar unter Druck setzen und zu Übernahme weiterer Kosten nötigen.

War die seitherige Zustimmung zum Abriss der rückwärtigen Flügelbauten aus denkmalpflegerischer Sicht schon schlimm genug, so wäre ein kompletter Abbruch nicht nur ein weiterer Schritt auf dem Weg der Stadtzerstörung, sondern ein erneuter Wortbruch.

Wir fordern die Vertreter von Stadt und Land auf, weiteren Kulturbarbareien im Bahnhofsbereich einen Riegel vorzuschieben und das Ansinnen der Bahn eine unmissverständliche, bindende und öffentliche Absage zu erteilen.

Zur kulturhistorischen Bedeutung der alten Bahndirektion

Der Baukomplex der Bahndirektion wurde 1911-12 erbaut als Direktionsgebäude der Württembergischen Staatsbahnen, fast zeitgleich mit dem Wettbewerb zum Bau des neuen Kopfbahnhofs, dessen Nordfassade er gegenüber steht.

Wurde der nach 1913 begonnene Bonatzbau zu einem der ersten Monumente der Moderne in Deutschland, so ist das Gebäude der Bahndirektion eines der letzten Stuttgarter Bauwerke aus der Phase des Historismus. Beide Gebäude spiegeln in ihrem geradezu bilderbuchartigen Gegensatz die unterschiedlichen Architektur-Strömungen nach der Jahrhundertwende. Sie sind so zu einem sehr aussagestarken Partner-Duo der Stuttgarter Baugeschichte geworden.

Architekt der Bahndirektion war Baurat Martin Mayer. Im Auftrag seiner Bauherren durfte er architektonisch offensichtlich noch einmal "in die Vollen" gehen und ein Repräsentationsgebäude im traditionellen Kleide schaffen: Die von ihm entworfene Fassade beeindruckt durch einen hohen, wuchtig mit Rustika-Quadern besetzten Sockel, vor dem die Besucher zu Zwergen schrumpfen. Auf diesen Sockel platzierte Mayer eine Gruppe von mächtigen, über 4 Geschosse ragende ionische Halbsäulen, eingestellt in eine zentrierte breit gezogene Nische, die ein stockwerkshohes antikisierendes Gebälk tragen. Den Fenstern zwischen den Säulen gab Mayer aufgesetzte antikisierende Ädikula-Einfassungen.

Darüber hinaus erhielt das Gebäude einen reichhaltigen Skulpturenschmuck: Beiderseits des Zugangs an der vorgesetzten (Verkündigungs-)Altane kauern muskulöse Atlanten; darüber sind zwei kleine Erdkugeln zu sehen, gehalten von Putten. Diese drolligen Skulpturen sollten die weltumspannende Bedeutung der Eisenbahn verkörpern.

Das gleichfalls sehr sehenswerte Innere des Gebäudes überrascht mit weniger traditionellen Zügen, die dem damaligen Zeitgeschmack mehr entsprachen: An den Treppengeländern lassen sich fließendere Linien beobachten, Einflüsse des Jugendstil. Geradezu festlich und üppig wurden die Vorplätze zwischen den Treppenaufgängen und den Aufzügen gestaltet: Mittels weich geschwungener Deckenausschnitte in jeder zweiten Decke dieser Vorplätze entstanden hohe, theaterfoyer-ähnliche Räume; Neben dem Aufzug wurde ein sogenannter Paternoster-Aufzug eingebaut, vielleicht der erste, der in Stuttgart je ausgeführt worden ist.

Dr. Norbert Bongartz

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